10 Metamorphosen zu einem unvollendeten Suizid

Eine Auseinandersetzung mit der Evolution

(c) Alfred Rhomberg 2010: suche nach einem ganz normalen etwas

Metamorphose 1

Vor Ixmachos steht ein Glas mit aufgelöstem Thiobarbital, jenem Stoff mit welchem Mörder durch Injektion ihrer – gerechten? – Strafe zugeführt werden. Er tut nur seine Pflicht – ohne Zuschauer und Kameras, denn der Tod ist die wichtigste Voraussetzung der Evolution und das Altern des Menschen evolutionsfeindlich, weil es für den Evolutionsprozess überflüssig ist. Nicht mehr fortpflanzungsfähige Individuen halten die Evolution auf.

Metamorphose 2

Das Glas mit Thiobarbital, der moderne Schierlingsbecher, gilt als wissenschaftlicher Fortschritt. Die Sinne schwinden, der Delinquent und sein ich dämmern ohne Schmerzen in ihr ungewisses Schicksal – sie verlassen angenehm eine Welt, die ein Irrtum der Evolution ist. Irrtum? Die Evolution kennt keinen Irrtum! Der Irrtum liegt beim Menschen in der Annahme, ein wichtiges Glied der Evolution zu sein. Andererseits ist die Frage erlaubt, ob ein Sein, das sein Sein erkennt, wirklich ein Irrtum ist. Der Irrtum liegt eher darin, nach der Erkenntnis seines Seins noch weiter leben zu wollen – was ließe die Evolution als weiteren Erfolg noch zu, als ein Wesen zu schaffen, das sein Sein erkennt? Da hörte jeder Sinn der Evolution auf.

Metamorphose 3

Sokrates! Du hattest keine Wahl, du musstest den Schierlingsbecher im Kreise deiner Schüler trinken, du starbst bei vollem Bewusstsein – hättest du die Wahl gehabt, du hättest ihn bei deiner Weisheit schon früher – nach der Zeugung deiner Kinder freiwillig getrunken – selbstverständlich mit Mohnextrakt versetzt, damit es schnell und ohne Schmerzen geht. Du kanntest Thiobarbital noch nicht – so wie wir das Soma von Aldous Huxley in „The New Brave World“ noch nicht kennen. Wir nehmen stattdessen Valium oder Designerdrogen oder trinken einfach nur Alkohol, wenn wir mit den Dingen nicht zurecht kommen.

Metamorphose 4

nicht atmen
beatmet werden
an schläuchen hängend
nicht mehr warten können auf…
etwas das keinen Sinn mehr hat – oder doch (?)
von menschen mit weißen kitteln be(gut)achtet zu werden
von menschen die einen (vielleicht) geliebt haben nicht verstanden zu werden
das ist jene vorstufe zum tod, die sterben genannt wird
also jene phase, die man hoffentlich nicht mehr spürt
in der es vielleicht noch bilder gibt
graue, weiße – halt irgendwelche bilder
keine bilder mehr
hoffentlich
nicht at…
tot

Metamorphose 5

Das Glas mit aufgelöstem Thiobarbital steht noch unberührt vor ihm. Auch Sokrates bekam einen Aufschub – nicht um mit seinen Schülern zu sprechen, sondern, weil der Festtag zum Gedenken des Theseus gefeiert wurde, an welchem niemand getötet werden durfte. Ixmachos will noch zehn Minuten nachdenken, oder elf, bevor er der Evolution gehorcht. Widerstand gegen die Evolution ist sinnlos – ist sie das? Das will überlegt sein! Er möchte bewusst vordenken, wie der Schaltprozess verläuft!

Metamorphose 6

langsam werden die synapsen abgeschaltet –
nicht alle auf einmal und bitte nicht drängeln.
befehl von ganz oben –
noch eine letzte rückfrage –
das zentrum antwortet nicht mehr!
eine vegetative synapse will es nicht wahrhaben,
sie steuert mit ihrem letzten endorphinausstoß,
das letzte glücksgefühl.
glücksgefühl ?
alle haben es gewusst,
nur die synapsen wurden nicht informiert –
es ist immer dasselbe!
schneller abschalten jetzt !
abschalten –
abschalte –
abschalt . .
absch . . .
plötzlich sollen sie schnell sein –
wozu die eile ?
befehl von ganz oben!
als ob es jetzt noch darauf ankäme – aber die synapsen gehorchen.
der oberarzt nickt und sagt zur oberschwester:
EXITUS

Metamorphose 7

Wer hat die Evolution erfunden? Kann ein Mensch wie Charles Darwin uns Nachgeborene um unser Alter betrügen? Warum waren die Menschen vorher so privilegiert und warum müssen wir jetzt im Alter unser Gewissen belasten? Nur weil wir das Wesen der Evolution jetzt besser kennen? Warum, Charles, hast du dich nicht selbst vergiftet? Nein – du hast weiter geforscht und publiziert, damit wir ein schlechtes Gewissen haben – Charles Darwin ein Heuchler oder zu dumm, um zu erkennen, was er angerichtet hat!

Metamorphose 8

Das Glas mit Thiobarbital steht noch unberührt. Ixmachos ist nicht zu feige, das Glas zu leeren – aber er muss noch einige Bücher lesen, um Klarheit zu erlangen – die Bibel, den Phaidon, in welchem Platon über die letzten Gespräche des Sokrates mit seinen Schülern berichtet, Hahn und Harlekin (vgl. J. Cocteau, et. al, 1991): „Behutsam schließt man die Augen der Toten, ebenso behutsam muss man den Lebendigen die Augen öffnen“.

Schließlich fallen ihm die Worte eines Richard von Schaukal (2011) ein: „Mit jedem Menschen sterben auch die Toten, die nur in ihm noch gelebt hatten”.
Ixmachos fühlt sich in seinem Zögern bestätigt: Darf jemand durch seinen Tod auch seine Eltern und Freunde endgültig töten, nur weil er der Einzige ist, der sie gekannt hat?

Metamorphose 9

Musste der Mensch Geist erhalten, um überleben zu können? Die Primaten leben als Menschenaffen noch heute – vielleicht würden sie besser ohne ihre evolutionären Rivalen mit dem Geist des Homo Sapiens leben. Das erinnert an den umstrittenen Intelligent Design Ansatz „das Auftreten des Geistes sei im Grunde so unwahrscheinlich, dass er nicht in unser Bild der Evolution passe“. Wie hatte es doch ein Naturphilosoph ausgedrückt? „Das wäre so, wie wenn jemand eine Packung mit Buchstabennudeln auf den Boden ausschüttete und fände auf dem Boden innerhalb der völlig ungeordneten Buchstaben einen einzigen Satz, der irgend eine Aussage (gleich welche) erkennen ließe. Dies deute auf einen zweiten Eingriff eines Schöpfers hin“. (sinngemäßes aus einer öffentlichen TV-Diskussion des ORF mit dem österreichischen Kardinal Schönborn 2008) Kardinal Schönborn ist nicht der einzige kirchliche Vertreter der diese Meinung vertritt: Die Enzyklika Humani Generis (Papst Pius XII), Papst Johannes Paul II auf der Vollversammlung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und Papst Benedikt XVI in seiner Predigt zur Amtseinführung: „Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes“ (Papst Benedikt XVI)

Er, Ixmachos, wusste es nicht – positivistische Naturwissenschaft gegen religiöse Überzeugung? Er vermochte nicht zu sagen, wer die stärkeren Argumente hat. Wenn er das gefüllte Glas mit aufgelöstem Thiobartital tränke, würde er die Wahrheit nie erfahren. Die Wahrheit wird er auch dann nicht erfahren, wenn er noch einige Jahre lebte – aber die Hoffnung würde mit ihm leben.

Metamophose 10

Erhabener Sokrates, würdest du den Schierlingbecher trinken, hätte man dich nicht dazu verurteilt?
Sokrates: Sicher nicht, lieber Ixmachos, du, der du aus der Zukunft kommst, hast den Thiobarbitalbecher ja auch nicht getrunken und deine Feigheit trefflich verteidigt. Denke doch an unseren erhabenen Anaximander, der bereits 300 Jahre vor mir aus Milet über die Menschwerdung berichtete.[1]
„Die Entstehung des Menschengeschlechts führte Anaximander auf andere Lebewesen zurück. Ihm war aufgefallen, dass der Mensch im Vergleich zu anderen Arten im Frühstadium seiner Entwicklung sehr lange Zeit benötigt, bis er für die Selbstversorgung und das Überleben aus eigenen Kräften sorgen kann. Deshalb nahm er an, dass die ersten Menschen aus Tieren hervorgegangen waren, und zwar aus Fischen oder fischähnlichen Lebewesen. Denn den Ursprung des Lebendigen suchte er im Wasser; das Leben war für ihn eine Spontanentstehung aus dem feuchten Milieu: „Anaximander sagt, die ersten Lebewesen seien im Feuchten entstanden und von stachligen Rinden umgeben gewesen. Im weiteren Verlauf ihrer Lebenszeit seien sie auf das trockene Land gegangen und hätten, nachdem die sie umgebende Rinde aufgeplatzt sei, ihr Leben noch für kurze Zeit auf andere Weise verbracht.“ (Diels / Kranz, Fragment 12A30; in: Rapp, S. 51).

Epilog

Klagelieder verlassener Dörfer und Höfe
einzige Zeugen von Leben, Elend und Glück
sie verstummen nicht, solange es noch Ohren gibt
die sich den Klagen nicht verschließen –
und dann verstummen auch sie,
wenn Ohren nicht mehr hören wollen.
Die alte Bäuerin blickt mit ihren toten Augen in das Tal
die Augen werden brechen,
so wie der Einödhof in ihren Bergen
die Erinnerung ist längst zerfallen.

Eine Burg in Südtirol verbirgt vergangene Ritterpracht
von Festen, Kriegen und von Folter,
und schönen Damen, Troubadours und Minnesang
auch diese Lieder sind verstummt -
und selbst der Prinz, der Schlafende, erlöst aus ihren Träumen
ist tot.

Der letzte Goldgräber wusch den Sand -
das edle Gold war längst Vergangenheit,
nur seine Träume begleiten den, der grub und grub,
bis seine Träume nicht mehr leben wollten

Und eine ganze Stadt –
mit Menschen, die am Fließband ihre Träume schwinden sahen -
noch eben schmückten Limousinen die Garagen dieser Stadt und dann –
die fleißigen Bänder wurden still und wollten nicht mehr fließen –
nur noch den wohlverdienten Ruhestand genießen,
auch als es nichts mehr zu genießen gab.
Gab es etwas?

Es gab etwas, das wir Leben nennen – aber Tod bedeutet.

Footnotes

  1. Anaximander, um 610 v. Chr. in Milet. † nach 547 v. Chr. in Milet ^

Bibliography

  • Cocteau, Jean (1991): Aphorismen und Notate, Volume  2,  Leipzig
  • von Schaukel, Richard (2011):  Sprüche, Zitate, Weisheiten, http://www.schlauesprueche.de/ergebnis?&SUCHE=AUTOR&AUTOR=133, zgg. Okt. 2011

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(c) Alfred Rhomberg 2010: suche nach einem ganz normalen etwas“suche nach einem ganz normalen etwas“

Computergrafik von (c) Alfred Rhomberg, 2010.



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