Die “Klasse der Pawlow’schen Muster-Gültigkeit” oder Veränderung ist Feind

 (c) Petra Schleich 2008: Für die Masse(n)

Die Unfähigkeit des Menschen wird bestimmt durch (1) Unmündigkeit (2) Gewohnheit. Menschen können dadurch nicht mehr mit Freiheit umgehen. Sind mit den einfachsten Situationen, die Lösungskompetenz erfordern würden, überfordert. Alles, was ihren üblichen Rahmen sprengt, wird zur unüberwindbaren Hürde. Bei älteren Menschen, abseits ihres langjährigen beruflichen Lebens, spiegeln sich zwei Klassen unserer Gesellschaft wider: Diejenigen, die noch in der Lage sind, sich neue Ziele zu setzen, neue Herausforderungen anzunehmen und aus sich heraus weiterzuwachsen, und diejenigen, die vor ihren Mustern kapituliert haben und deren Bewegungsfreiheit bzw. Freiheitsgrad auf das Niveau einer Laborratte geschrumpft ist. Jedoch nicht aufgrund politischer, ökonomischer, soialer oder physischer Ursachen, sondern aufgrund der Verkümmerung ihrer natürlichen Lösungskompetenz. Langjährige Prägung im Pawlow’schen Klassenzimmer sei Dank.

Diese “Klasse der Pawlow’schen Muster-Gültigkeit” stellt im Grunde die größte Herausforderung unserer zivilisatorischen, westlich-industrialisierten Welt dar, da sie die Veränderungen, die notwendig wären, neue Gesellschaftsverträge zu erstellen, nicht mittragen oder entwickeln kann, da sie dazu weder mehr eine Perspektive besitzt noch ihre Angst vor Veränderungen, die ihre Muster zum Einstürzen bringen und ihre eigene Hilflosigkeit angesichts eines selbstbestimmte Lebens offenbaren würde, überwinden kann – oder will. Die Sicherheit des Bekannten ziehen diese Menschen dem Unbekannten und damit scheinbar Unsicherem vor ohne dabei zu bemerken, dass der Preis für die Sicherheit ihre persönliche Ohnmacht ist, ihre Urteilsunfähigkeit.

Aus dem Phänomen der persönlichen Verunsicherung erwächst das gesellschaftliche Problem der Systemresistenz bei gleichzeitiger Herausbildung sozialer Eliten, die sich der noch verbleibenden Freiräume zur Gestaltung bedienen, um gleichzeitig jedoch zu einem Feindbild der “Klasse der Pawlow’schen Muster-Gültigkeit” bzw. der “Generation Vollkasko” zu werden, die diese menschliche Andersartigkeit bewusst oder unbewusst als Bedrohung für die eigene Existenz einstuft. Foucualt lässt grüßen.

Der gesellschaftliche Konflikt ist damit vorprogrammiert, da die durch die “Klasse der Pawlow’schen Muster-Gültigkeit” legitimierten MachthaberInnen, also jene durch Mehrheiten und damit Massen legitimierten FührerInnen weiter der “Klasse der Pawlow’schen Muster-Gültigkeit” folgen müssen, während eine Art “Supraklasse” sich wie ein Trabant über die politische Machtschicht schieben muss oder kann, um überhaupt noch Gestaltung voranzubringen. Diese Supraklasse teilt völlig andere Werte, Normen und Einstellungen als jene “Klasse der Pawlow’schen Muster-Gültigkeit”. Reibungsflächen vorprogrammiert. Guten Tag Klassenkampf? Vielleicht. Schließlich erodiert der sozial regulierende Mittelstand immer mehr.

Während sich die “Supraklasse” nicht einmal mehr räumlich gebunden fühlen muss, sondern sich an global privilegierten Orten trifft, rottet sich die “Klasse der Pawlow’schen Mustergültigkeit” immer enger zusammen und opponiert reflexartig auf jede Veränderung von außen. Ciao Mr. Canetti. Dabei übersieht die “Klasse der Pawlow’schen Muster-Gültigkeit”, dass sie sich noch so in ihre Wohnburgen mit KabelTV einbunkern und ihren Ritualen frönen kann, sie jedoch immer mehr zum Lemming degradiert, die von der “Supraklasse” leicht dirigierbar ist. Denn bar jeder kritschen Urteilsfähigkeit opfert die “Klasse der Pawlow’schen Muster-Gültigkeit” jederzeit und gerne ihre Selbstbestimmung solange sie dafür nur ihr bißchen Gewohnheit behalten darf und alles so bleibt wie es ist. “Auffällig unauffällig” ist das Motto Und damit ist es ein Leichtes, der “Klasse der Pawlow’schen Muster-Gültigkeit” theoretisch alle Rechte zu nehmen, um sie zum Sklaven ihrer eigenen Dummheit zu machen ohne, dass sie ihre Zufriedenheit verlöre, da sie alles, was ihr wichtig ist, mit der untersten Stufe der Maslow’schen Bedürfnispyramide gemein hat.

Die “Klasse der Pawlow’schen Muster-Gültigkeit” erhält ihren Lohn, der gerade zur Aufrechterhaltung der Gewohnheit notwendig ist, mehr würde sie aufgrund der Angst vor Veränderung auch gar nicht einfordern wollen. Veränderung ist für sie ein Glas, das immer halbleer denn halbvoll ist. Folglich ist jede Veränderung eine Schlechterstellung, die ausreichend solange bejammert wird, bis sie sich als Prophezeihung in jedem Fall erfüllt. Deshalb verharrt die “Klasse der Pawlow’schen Muster-Gültigkeit” gerne in reg- und wortloser Starre, erfüllt redlich ihre minimalen Pflichten und scheut im Schatten der Masse den Widerspruch.

Die “Klasse der Pawlow’schen Muster-Gültigkeit” ist daher nichts anderes als kleingeistge EgoistInnen, die ihre veränderungsresistente Haltung als Forderung nach Sozialgesinnung tarnen, um bei der nächstbesten Gelegenheit das Knie und Haupt vor jener Macht zu beugen, von der sie annehmen, dass sie dieser die eigene “Lebensqualität” verdanken ohne dabei zu verstehen, dass sie derart benebelt keine Zukunft gestalten sondern nur ihr entgegentorkeln.

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(c) Petra Schleich 2008: Für die Masse(n)“Für die Masse(n)“

Photographie von (c) Petra Schleich, 2008. Aufgenommen in Bregenz, Österreich.



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