Herr Y. und sein roter Stift

(c) Petra Schleich 2010 - Who is next?

Herr Y. – er könnte auch Herr Q. oder Herr I. heißen, aber die Autorin findet aus unerklärlichen Gründen, die sich jedem vernünftigen Geist entziehen, Herr Y. attraktiver – Herr Y. freut sich heute auf seine Arbeit. Herr Y. arbeitet seit kurzem in Abteilung V. Abteilung V. ist, was Herr Y. als KKG bezeichnet. KKG ist die Abkürzung für Kostenkatatstrophengebiet – eine Wortschöpfung von Herrn Y. auf die er im übrigen sehr stolz ist, da sie mittlerweile auch den Wortschatz seiner KollegInnen bereichert. Da aber Kostenkatastrophengebiet auszusprechen oder zu –schreiben zu lange dauert, verwendet Herr Y. lieber die Abkürzung KKG. Denn in Herrn Y.s Beruf ist Zeit Geld und Verschwendung von beidem findet Herr Y. unausstehlich. Deswegen bemüht sich Herr Y. seit Jahren überall wo er hinkommt, Zeit und Geld zu optimieren.

Effizienz ist, wenn man so will, Herrn Y.s Mission und Passion. „Kosten runter“, lautet Herrn Y. s Predigt. Leider verstehen die wenigstens auf die er trifft, was Herr Y. bereits verstanden hat: Effizienz ist die Essenz. Und daher ist Herr Y. stets bestrebt, das EO oder Effizienzoptimum zu erreichen – nicht nur beim Geld oder bei den Kosten, sondern einfach überall – beim Reden, Essen, Gehen, ja sogar beim S*. Auch Namen und Respektbezeichungen sind für Herrn Y. unnötiger Firlefanz und daher einzusparen. Für Herrn Y. gibt es daher keine Lisa Zimmermanns oder Peter Grubers und schon gar keine Dr.Dr. Karl-Heinz Ludwigs sondern nur LZs oder PGs bzw. KHLs.

Auch im KKG „Abteilung V.“ hält Herr Y. es mit seiner Effizienz-Philosophie. Die Abteilung V. wurde daher in Abkürzungen und Nummern zerlegt. Diese Nummern wurden mit Beschreibungen ihrer Tätigkeiten versehen. Das Ganze wurde natürlich in einer übersichtlichen Tabelle zusammengefasst. Natürlich heißt auch Abteilung V. nicht Abteilung V. sondern einfach „V.“. So hat sich Herr Y. einen guten Überblick über das KKG V. verschafft und innerhalb kürzester Zeit festgestellt: Nr. 18 bis Nr. 33, Nr. 67 bis Nr. 94 und Nr. 108 sind zu teuer und alle hieß es würden an irgendetwas wie einem monoklonalen Antikörper namens Alemtuzumab arbeiten. Warum man dafür all die Leute brauchte, entzog sich dem Verständnis von Herrn Y. Herr Y. markierte daher diese Nummern in seiner Tabelle mit einem Rotstift.

Herr Y. freute sich – so wie er sich immer freute, wenn er wieder einmal fand, dass er optimale Arbeit geleistet hatte. „Es wäre doch gelacht, wenn ich die V. nicht auf Vordermann bringen würde“, dachte er bei sich selbst und berief eine Besprechung mit dem Abteilungsleiter Herrn O. und dessen Vorgesetzten Herrn W. ein. Es war Zeit, aufzuräumen. Und Herr Y. räumte auf. Er sprach von Produktivitätsverlusten, Verantwortung für den wirtschaftlichen Einsatz von Mitteln, natürlich auch von seinem Lieblingsthema, dem Zusammenhang zwischen Zeit und Geld. Wie immer sprach er derart mit Leidenschaft, dass ihm ganz heiß wurde und er zu schwitzen begann. Aber Herr Y. gab wie immer sein Bestes, um die Verantwortlichen wachzurütteln. Nach seinem Plädoyer für mehr Effizienzbewusstsein verkündete er mit folgenden Worten: „Nr. 18 bis Nr. 33, Nr. 67 bis Nr. 94 und Nr. 108 müssen weg.“

Herr O. und Herr W. schwiegen zu dieser Aussage zuerst einmal etwas betreten. Dann ergriff Herr W. das Wort: „Herr Y., wenn ich sie richtig verstanden habe, dann wollen sie uns sagen, dass wir fast die Hälfte unserer Abteilung kündigen sollen?“ Herr Y. nickte. Herr W. fuhr fort: „ Aber all die Leute, pardon Nummern, die sie genannt haben, sind von großer Bedeutung für unsere Arbeiten im Bereich des monoklonalen Antiköper Alemtuzumab. Wenn wir sie kündigen, dann riskieren wir unseren Projekterfolg.“ „Paperlapapp“, fiel Herr Y. dem Herrn W. gleich ins Wort, „bislang gibt’s überhaupt keine messbaren Erfolge in dem Bereich. Die genannten Personen verschlingen seit drei Jahren bloß Geld sonst gar nichts.“ An dieser Stelle erhob Herr O. seine Stimme: „Diese Aussage möchte ich nicht so stehen lassen. Wir haben Phase II erfolgreich abgeschlossen. Und können damit endlich Phase III einleiten. Es gibt also messbare Erfolge.“ Herr Y. konterte verärgert: „Aber Nr. 18 bis 33 machen z. B. in etwas das Gleiche, wie Nr. 2 bis 17 sind aber um ein Vielfaches teurer.“ „Weil sie auch mehr Erfahrung haben und damit über fast nicht zu bezahlendes know-how verfügen“, erwiderte Herr O. Herr Y. verlor langsam die Geduld. „Sind die so blöd oder tun sie nur so“, dachte er sich und sagte: „In China kriegen wir das sicher billiger.“ „Das können sie doch nicht vergleichen“, sagte Herr W. Doch bevor er ausreden konnte, schnitt ihm Herr Y. das Wort ab: „Die Kosten müssen runter. Ich habe ihnen gesagt, wie sie das regeln können. Und damit auf Wiedersehen.“

Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, verließ Herr Y. die Besprechung, um pünktlich in der nächsten Besprechung zu sein. Noch bevor er den nächsten Raum betrat, markierte er in seiner Tabelle noch zwei weitere Nummern rot. „Guten Tag meine Herren“, grüßte er, „ Ich bin heute hier, um ihnen meine Ergebnisse bezüglich Abteilung V. zu präsentieren. Bei der V. könnten wir fast 50% der Kosten einsparen, damit überträfen wir unsere anvisierten 30% bei weitem. Gleichzeitig ist jedoch die Frage zu stellen, ob ein Einsparungspotenzial von fast 50% nicht die Abteilung V. per se in Frage stellt. Ich habe mir auch erlaubt, einen Vorschlag für eine mögliche Reorganisation dieser Arbeiten zu entwickeln. Natürlich ist das nur ein grober Entwurf und bedürfte einer genaueren Analyse und Gesamtbetrachtung der einzelnen Prozesse in ihrem Unternehmen. Aber schon bei einer groben Schätzung zeichnet sich insgesamt eine Einsparung von fast 30% ab.“ Die Anwesenden applaudierten. 30% Einsparung – da würden die shareholder begeistert sein.

Zufrieden verließ Herr Y. diese Besprechung. Er wusste er hatte seinen Auftrag erfüllt und ein neues Projekt verkauft. In der Personalabteilung begann man während dessen die Kündigungen vorzubereiten.

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(c) Petra Schleich 2010 - Who is next?“Who is next?“

Computergrafik von (c) Petra Schleich, 2010.



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